Projektvorstellung im Landboten vom 31. Mai 2002 (Auszug)
ZHW-Diplomarbeit für Kanufahrer
Projekt zum Spielen mit den Tösswellen
Mit kleinen Umbauten soll das Neumühlewehr in der Töss zur Spiel- und Trainingsstelle für Wildwasserkanuten werden
(ab) Als 1972 in München die Sommerolympiade ausgetragen wurde, staunte die Welt über den künstlichen Wildwasserkanal. Auch in Barcelona 1992 gehörten die Wildwasserwettkämpfe mit zum Spektakulärsten, was die Spiele zu bieten hatten. Weil immer mehr echte Wildwasser hinter den Staumauern der Stromkonzerne verschwunden sind und weil die lange Anfahrt aus den Agglomerationen bis zum wilden Alpenbach nicht mehr zeitgemäss ist, haben Spiel-, Trainings- und Wettkampfstrecken mit künstlicher Nachhilfe bei den Paddlern zunehmend Auftrieb. Endgültig "in" sind einzelne Wellen bei den Rodeofahrern. Die Sportart kann als Gemisch zwischen Wildwasserpaddeln und Wellenreiten bezeichnet werden. Hier wird nicht mehr eine Strecke befahren, sondern an Ort werden Kunststücke - "Moves" - ausgeführt, von der Kerze bis zum Ueberschlag, selbstverständlich immer samt Boot.
Mit Kanu-Rodeo voll im Trend
Jetzt soll auch Winterthur eine solche Kanu-Spielstelle erhalten. In seiner ZHW-Diplomarbeit für den Lehrgang Sport und Management hat der Winterthurer Wildwasserspezialist Herbert Burren eine alte Idee aufgegriffen und zur Projektreife getrieben. Dort, wo die Töss in den Auwiesen in die Stadt hineinfliesst, am Wehr, wo der Neumühlekanal abgeleitet wurde, könnte der Rodeo- und Wildwasserübungsplatz realisiert werden. Kürzlich hat Burren sein Vorhaben den Wasserbau-Verantwortlichen des Kantons vorgestellt, anwesend waren auch Vertreter des Umweltverbandes Pro Töss, der Winterthurer Sportamtschef Urs Wunderlin, die zuständigen Fischereiaufseher sowie der Leiter des Lehrgangs, Ernst Bruderer.Das Projekt sieht vor, den Neumühle-Absturz baulich so zu verändern, dass das Tösswasser am Ende mehrere, sich überschlagende Wellen bildet, welche die Kanuten für ihre Tricks befahren könnten. Gleich anschliessend, im Bereich der Eisenbahnbrücken, sollen noch mehrere kleinere Uebungsstellen folgen, wo beispielsweise das Ein- und Ausfahren in Kehrwasser hinter Steinblöcken geübt werden kann. Als spätere Etappe sähe Burren auch eine Revitalisierung des rund 400 Meter langen Tössabschnitts längs des Schwimmbades Auwiesen bis zur Brücke der Auwiesenstrasse. Die heute monotone Töss könnte dort mit Buchten, Kiesbänken, schnell und langsam fliessendem Wasser nicht nur für Paddler, sondern generell als Naherholungsgebiet viel gewinnen. Wie zwei wieder belebte Tössabschnitte weiter flussaufwärts, im Linsental, zeigen, werden solche Stellen von der Bevölkerung rasch zum Spielen und Verweilen angenommen. Nicht zuletzt verspricht sich Burren auch eine Aufwertung für die Fische, die heute im befestigten Flusslauf kaum Unterschlupfmöglichkeiten finden. Selbst am Wehr, das heute im Fluss eine starke Zäsur darstellt, könnten die Veränderungen bei geschickter Planung den Fischen helfen, denn der heutige Fischpass funktioniert schlecht. Wasserbauaufseher Franz Bieler etwa räumt ein, dass bei dessen Bau Fehler passiert seien.
Naherholungsgebiet für alle
Gemäss den Berechnungen von Burren, teilweise mit Unterstützung des Hydromechanikprofessors und Heimweh-Winterthurers Peter Rutschmann von der Uni Innsbruck, könnte die Spielstelle abhängig vom Tösswasserstand an rund 150 bis 180 Tagen im Jahr genutzt werden. Würde die Töss damit in diesem Bereich zum Rummelplatz? "Nein", ist Sportchef Wunderlin, selbst ein aktiver Paddler, überzeugt, "es würde nach wie vor sehr viele ruhige Tage geben." Auch von Seiten der Umweltverbände waren an der Projektvorstellung keine Bedenken zu hören. Pro-Töss-Präsident Edi Renz erinnerte daran, dass die Töss in diesem Abschnitt seit je als Badeplatz genutzt wurde und das bestehende Wehr bereits einen grossen künstlichen Eingriff darstelle. "Sicher kein Gebiet für ein Naturreservat", so Renz. Etwas skeptisch äusserte sich Fischereiaufseher Peter Niederer: Vor allem bei sommerlichem Niederwasser sei der Stress für die Tössforellen schon heute gross. Da gelte es, zusätzliche Belastungen zu vermeiden. Burren zeigte sich gesprächsbereit: Die Paddler würden auch Sperrzeiten akzeptieren, wie Beispiele andernorts bewiesen.
Noch Hausaufgaben zu lösen
Wasserbauer Matthias Oplatka hielt fest, dass noch wichtige Details geklärt werden müssen, etwa die Frage, ob eine veränderte Strömung bei Hochwasser keine Gefahr für die Brückenpfeiler bilden oder ob das Projekt Einfluss auf den Grundwasserstand haben könnte. Ansonsten, so Oplatka, dürfte die Kernfrage lediglich sein, wer das Ganze bezahlen soll. Denn der Kanton hat zurzeit kein Projekt laufen an diesem Abschnitt, Schwerpunkt der Tössrevitalisierung bilden weitere Etappen im Linsental. Burren schätzt die Kosten - ohne die Revitalisierung flussabwärts - auf rund 500'000 Franken. Würde sich die Stadt an der Schweizer Premiere beteiligen? Wunderlin wollte trotz Sympathien für das Vorhaben keine Versprechen abgeben; mit Eishalle und Bädersanierung koste der Sport die Stadt in nächster Zeit schon viel, da bestehe kaum Spielraum. Darum will Burren jetzt die noch offenen Fragen klären und prüfen, ob sich eine erste Etappe des Projektes auch mit weniger Geld umsetzen liesse. Einen Sponsor hat er an der Angel, und auch das nötige "feu sacré" bringt das langjährige Mitglied der Naturfreunde-Kajakgruppe zweifellos mit, denn "das Rauschen des Wehres ist kein Lärm, sondern Musik in meinen Ohren", sagt er.
