Kajaker NFW
Der Kajakclub der Naturfreunde Winterthur

Tourenbericht: Landquart 2005 - von Rolf Aeschbacher

An diesem Sonntag, dem 11. September 2005 regnete es in Strömen, als ich von zuhause weg fuhr. Beim Bootshaus der Kajakgruppe NFW in Winterthur trafen sich wie erwartet nur wenige Paddler, denn die Landquart ist kein einfacher Fluss, ausserdem mag auch das Wetter eher abschreckend auf einige gewirkt haben. Da wir nur zu viert waren, beluden Urs, Andi, Simon und ich das Auto von Urs und liessen die anderen Autos stehen. In Hinwil stiess René zu uns, so dass wir mit nun zwei Autos genug Fahrzeuge für unsere Unternehmung hatten.

Landquart

Bei der Einbootstelle in Küblis angekommen, sahen wir, dass im Kanal des Kraftwerks kein Wasser floss. Vermutlich war das Kraftwerk seit dem Unwetter vor drei Wochen ausser Betrieb. Ungewohnt für uns war, dass dafür oberhalb des Kraftwerks viel Wasser in der Landquart floss. Spontan sagte ich, "Dann könnten wir ja weiter oben einbooten!". Nur Urs und Andi kannten diesen Teil des Baches, aber alle waren einverstanden mit dem Vorschlag. Ich sollte meine Worte später bereuen ...

Wir fanden schliesslich einige Kilometer bachaufwärts in Serneus eine Einbootstelle. Das Unwetter hatte dem Bachbett arg zugesetzt. Grosse Haufen mit Geröll lagen da und in der Mitte war eine recht schmale Rinne, in der das Wasser floss. Im Internet war bei Felsenbach ein Durchfluss von rund 24 m3/s angegeben, aber so weit flussaufwärts waren es wohl weniger.

Urs als der Erfahrenste unter uns übernahm die Führung und wir konnten einige hundert Meter entspannt paddeln. Das erste Hindernis war eine Blockwurfstelle, die Simon und ich nach eingehender Betrachtung umtrugen.


Landquart

Unterdessen hatte wieder strömender Regen eingesetzt, was uns aber bei ansonsten warmen Wasser- und Lufttemperaturen nicht störte. Nachdem ich mein Boot um das Hindernis getragen hatte, ging ich noch ein Stück zu Fuss weiter und traf auf eine Tanne, die quer übers Flussbett gefallen war. Ich rannte zu den anderen zurück und informierte sie über die unbefahrbare Stelle.

Wir kamen nur langsam vorwärts, unzählige Male mussten wir aussteigen und den Bach begutachten. Immer wieder verwehrten uns Bäume die Weiterfahrt. Mir tat schon die Schulter weh vom vielen Tragen des Bootes. Wir staunten über die Gewalt der Natur: An einer Stelle hatte das Hochwasser einige Meter Erde und Geröll abgetragen. Wo vorher ein Feldweg war, ging es jetzt senkrecht vier oder fünf Meter hinunter. Zwei tonnenschwere Metallträger lagen im Wasser - offenbar waren das Ueberreste einer Brücke.

Wir waren froh, als wir bei Küblis endlich wieder bekannteres Gewässer erreichten. "Nie wieder diesen Teil des Flusses!", sagte ich zu mir. Das Risiko war es einfach nicht wert. Noch ahnte ich nicht, dass es für mich noch dicker kommen sollte.


Landquart

Im unteren Teil der Landquart trafen wir nur noch einmal auf ein Baumhindernis. Ich sah es relativ spät und musste an einer ungünstigen Stelle anhalten. Ich zog die Spritzdecke auf und wollte aus dem Boot steigen. Dabei neigte sich mein Boot so unglücklich flussaufwärts, dass es blitzartig mit Wasser voll lief. Ich konnte gerade noch hinaus gleiten. Schon drehte es sich von mir weg. Ich sprang dem Boot nach, konnte es aber nicht fassen, da es kieloben trieb. Dass ich in der einen Hand noch das Paddel trug, machte es auch nicht einfacher. Der Baum war jetzt schon gefährlich nahe. Ich realisierte, dass weitere Versuche sinnlos waren und hechtete an Land. Das Boot trieb unter dem Baumstamm hindurch und verschwand um die Kurve. Die anderen hatten dem ganzen zugesehen. Andi und Urs starteten sofort die Rettungsaktion. Sie setzen ihre Boote so schnell es ging nach dem Hindernis wieder ein, um dem herrenlosen Boot zu folgen. Inzwischen stolperte ich am rechten Ufer über die Steine, bis ich an eine Stelle geriet, wo eine steile Felswand das Weitergehen verunmöglichte. Ich benötige einige Sekunden, um Mut zu gewinnen und sprang dann in die Fluten.


Landquart

Wie bei Christians Sicherheitstraining gelernt, schwamm ich auf dem Rücken, die Füsse flussabwärts. Ich versuchte, möglichst rasch ans andere Ufer zu schwimmen, in der Hand immer noch mein Paddel haltend. Dies gelang mir auch gut, abgesehen davon, dass mein Hintern einen schmerzhaften Zusammenprall mit einem Felsen hatte. Ich musste nur 50 Meter weiter gehen, um auf das Rettungsteam zu treffen. Das Boot klebte ganz von Wasser überspült an einem Stein. Die beiden schafften es mit einigem Kraftaufwand, das Boot zu befreien.

An dieser Stelle möchte ich eine Erweiterung zu Murphys Gesetzen definieren: "Nach dem Kentern landen Schwimmer und Boot garantiert nicht am gleichen Flussufer." So war es denn auch. Ich versuchte über den Fluss zu meinem Boot zu gehen, wo auch die anderen warteten, aber die Strömung war zu stark. Simon deutete mir, es weiter oben zu versuchen. Ich nickte und machte Zeichen, dass er den Wurfsack bereithalten solle. Das Wasser war an der Stelle nur etwa knietief, das stark sedimenthaltige Wasser verwehrte den Blick auf den Untergrund. Ich tastete mich mit den Füssen vor, da geschah es: Ich stolperte und stützte mich mit beiden Händen unter Wasser ab. Dabei klemmte ich den Finger ein und musste das Paddel loslassen. Als ich mich wieder aufgerichtet hatte, hielt ich sofort nach meinem Paddel Ausschau. Doch es war nirgends zu sehen. Hilfesuchend blickte ich zu den weiter flussabwärts stehenden Kollegen. Aber auch die hatten kein Paddel vorbeitreiben sehen. "Verdammt! Auch das noch!", sagte ich zu mir. Zum Glück konnten die anderen im Rauschen des Flusses mein Gefluche nicht hören. Ich machte ein paar Schritte zu der Stelle hin, wo ich gestürzt war. Nachdem ich einige Sekunden angestrengt ins Wasser gestarrt hatte, war es mir, als wäre da ein schwarzer Schatten im Wasser. Ich griff ins Wasser und tatsächlich: Mein Paddel hatte sich unter Wasser an den Steinen verfangen. Triumphierend hielt ich es hoch.


Landquart

Von da an ging es schnell vorwärts. Erst beim Bahnhof Fideris mussten wir wieder aussteigen, um den berüchtigten Schlitz anzuschauen. Auch hier war die Situation seit dem Unwetter verändert. Offenbar war der Schlitz mit Geröll aufgefüllt worden, denn der Wasserspiegel war hier mindestens einen Meter höher als früher. Der Schlitz, in dem sich früher ein Boot hätte verkeilen können, war kaum mehr zu sehen und vermutlich wäre die Stelle auch befahrbar gewesen. Durch den höheren Wasserstand eröffnete sich aber ganz links für uns ein "Chicken Way", und so wählten wir vorsichtshalber diesen Weg.

Wir paddelten so dahin, inzwischen schien die Sonne, da geriet Simon mit seiner "Nussschale" in eine Walze, kenterte und schaffte es nicht, zu eskimotieren. Ich war dicht hinter ihm, als es passierte und paddelte wie wild rückwärts, um ihn nicht zu überfahren. Da sah ich seinen Kopf neben dem Boot auftauchen. Die Strömung zog ihn sogleich weg von der Stelle. Ich konnte unmöglich ausweichen und plumste, da ich kaum mehr Fahrt hatte, in die Walze hinein. Ich merkte, wie sie mein Boot rückwärts hineinzuziehen versuchte. Ich beugte mich vor und paddelte was das Zeug hielt flussabwärts. Schliesslich gelang es mir, mich aus dem Griff der Walze zu befreien.


Landquart

Noch einmal stieg mein Adrenalinspiegel: Bei einer künstlichen und dadurch gefährlichen Schwelle mit starkem Rücklauf gibt es für Paddler nur einen Weg: Die Fischtreppe ganz rechts. Diese hatten wir in der Vergangenheit problemlos befahren können - ich fuhr also guten Mutes darauf zu. Doch halt, was ist denn... Auf der untersten Stufe mitten in der Fahrbahn lugte ein spitzer Stein aus dem Wasser. Zu spät, ich konnte nicht mehr ausweichen. Ich landete genau auf dem Stein, das Boot drehte sich quer zur Flussrichtung und blieb dann hängen. Diesmal war Simon hinter mir und ich hoffte, dass er rechtzeitig würde halten können. Ich lehnte mich zurück, bewegte den Oberkörper ruckartig vor und zurück und kam schliesslich in bedenklicher Schieflage frei. Bezeichnenderweise kamen meine Kollegen an dieser Stelle gut durch. War wohl nicht mein Tag...


Landquart

In Schiers war unser Abenteuer zu ende. Wir waren etwa fünf Stunden auf und neben dem Bach unterwegs gewesen.

Auf dem Heimweg fühlte ich mich müde, aber irgendwie zufrieden mit mir und der Welt, den schliesslich hatten meine Kameraden und ich diesen aufregenden Tag ohne grössere Blessuren gemeistert.

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